Ein langer Weg steht noch bevor
Die Kreditinstitute in der Europäischen Union, und damit auch in Deutschland, kommen aus dem Fokus der Politik und der Aufsichtsbehörden nicht heraus. Die regulatorische Aufarbeitung der Finanzkrise ist bereits seit Jahren Dauerthema, nun sieht die EU die Bankenbranche zusätzlich auch als eines der entscheidenden Puzzleteile für den Erfolg bei der Umsetzung des europäischen „Green Deals“. Die Banken sollen daher für die grüne Zukunft fit gemacht werden und bekommen von der BaFin bzw. der EZB mit Taxonomien, Leitfäden und Merkblättern Richtlinien an die Hand.
Die Berater haben die verschiedenen Richtlinien der Aufsichtsbehörden analysiert und in einen Fragebogen überführt, um herauszufinden, wo die Banken bei der Berücksichtigung der ESG-Risiken stehen. 150 deutsche Kreditinstitute (darunter 15 bedeutende (SI) und 135 weniger bedeutende (LSI) Institute) wurden über den Sommer 2021 befragt. Es zeigt sich, dass die allermeisten Banken sich bereits ernsthaft mit den ESG-Risiken auseinandersetzen — die komplette Bandbreite der möglichen Anknüpfungspunkte innerhalb der Organisation ist aber noch nicht vollständig transparent.
Allgemeines ESG-Verständnis
Die großen, durch die EZB beaufsichtigten Institute (SI) sind bei der Berücksichtigung der ESG-Risiken bereits weiter als die kleinen, national beaufsichtigten Institute (LSI) — verwunderlich ist das nicht, stehen die großen Institute doch deutlicher und öfter im Rampenlicht. Die Bestandteile Environmental, Social und Governance werden bislang unterschiedlich stark berücksichtigt: Insbesondere im Bereich der Umweltrisiken wird der Hebel der Bankenbranche noch nicht hinreichend eingesetzt.
Die zu erwartende primäre Assoziation des Themas ESG mit dem Segment „Environmental“ zeigt sich überraschenderweise nicht: Das allgemeine ESG-Verständnis in den Banken liegt laut der Umfrage eher in den Bereichen „Governance“ und „Social“. Während eine eindeutige Definition ökologischer Kriterien im Rahmen der EU-Taxonomie-Verordnung bereits erfolgt ist, stehen nähere Ausführungen zu sozial-nachhaltigen Kriterien und Governance-Richtlinien noch aus.
„Es fehlt ein einheitliches Verständnis zu unserer Umwelt und unserem Einwirken.“
Berücksichtigte Risikoarten
Kleinere Banken (LSI) assoziieren ESG weniger stark mit Umwelt und sozialem Umgang als die großen Institute (SI) — das Brennglas der Öffentlichkeit zeigt hier seine Wirkung. Mehr als 90 % der Banken berücksichtigen Nachhaltigkeitsrisiken im Rahmen ihres Reputationsrisikos, auch die Beachtung der ESG-Kriterien im Rahmen des Ausfallrisikos erfolgt in den allermeisten Banken. Knapp drei Viertel der Institute berücksichtigen Nachhaltigkeitsrisiken auch im Rahmen des strategischen Risikos.
Die Unterschiede zwischen großen und kleinen Banken werden bei den nicht über mathematische Modelle quantifizierbaren Risikoarten deutlich: Reputationsrisiko, strategisches Risiko und operationelles Risiko finden eher bei den großen Instituten Berücksichtigung. Überraschenderweise findet eine stärkere Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsrisiken im Marktpreis- und Adressausfallrisiko bei den LSIs statt — eine erste Vermutung geht auf das weniger komplexe Kreditportfolio der LSIs zurück.
Score des Risikomanagements
Eine vollständige Integration der Nachhaltigkeitsrisiken im Risikomanagement findet nur in seltenen Fällen statt — die allermeisten Banken bauen ihre Prozesse hier noch auf. Insbesondere bei den Berichtspflichten sind die großen Kreditinstitute proportional mehr gefordert. Bei der Berechnung des Risikodeckungspotenzials und beim Stresstesting (ICAAP) sind noch deutliche Verbesserungspotenziale zu erkennen; in vielen Fällen fehlen schlicht die Erfahrungswerte (Stichwort: Historie).
Bis 2050 sollen die Treibhausgasemissionen nach dem Willen der EU-Kommission auf netto Null gesenkt werden. Zur Erreichung dieser Ziele sind teils drastische Umstellungen in der Wirtschaft erforderlich, was auch die Finanzwirtschaft vor enorme Herausforderungen stellen wird. Bei der Berücksichtigung der ESG-Risiken ist der richtige Weg eingeschlagen, allerdings noch eine lange Strecke zu gehen.← Zurück zur Übersicht